Egal wie Du es sagst, dein/e Partner:in versteht dich einfach nicht richtig?

In 4 Schritten weniger aneinander vorbeireden

Foto von Alex Green von Pexels

Lesedauer: ca. 6 min

Du hast das Gefühl egal was Du sagst, dein/e Partner:in will dich einfach nicht verstehen? Du bittest deine/n Partner:in um Kleinigkeiten und stößt damit auf völliges Unverständnis? Du bist immer wieder verzweifelt, weil Du dir einfach nur wünschst, dass er/sie deine Wünsche und Gefühle etwas mehr respektiert und mehr auf dich eingeht?

Viele Paare haben Beziehungsprobleme aufgrund von Kommunikationsproblemen. Der Streit endet dann oft mit Sätzen wie „Ach, Du verstehst mich doch eh nicht!“ oder „Es ist egal was ich sage – Du willst mich gar nicht verstehen!“. Dann gehen wir wütend und enttäuscht auseinander, sind eine Weile sauer auf den jeweils anderen und sobald wir uns wieder versöhnt haben, geht der Zirkus von vorne los.

Das Ganze kostet uns so viel Kraft, dass wir irgendwann vielleicht sogar aufgeben miteinander zu reden und eine gewisse Gleichgültigkeit entsteht, vielleicht zerbricht sogar die Beziehung daran.

Damit es erst gar nicht so weit kommt, kannst Du und dein/e Partner:in in wenigen Schritten lernen weniger aneinander vorbeizureden und so miteinander zu kommunizieren, dass ihr wirklich versteht um was es eurem/r Partner:in geht und dadurch automatisch mehr Verständnis für den anderen empfindet.

Die Lösung für eure Kommunikationsprobleme lautet Gewaltfreie Kommunikation nach Rosenberg. Die Botschaft die Du deinem/r Partner:in mitteilen möchtest erfolgt in der gewaltfreien Kommunikation immer in vier Schritten:

Schritt 1: Beschreibe sachlich was Du beobachtet hast – Was hat dein Wohlbefinden beeinträchtigt?

Bspw.: „Als ich heute nachhause gekommen bin waren alle Rollläden noch unten und die Wohnung war nicht gelüftet.“

Bei Schritt 1 geht es darum sachlich zu bleiben und nur zu beschreiben. Konzentriere dich darauf ausschließlich die Fakten zu benennen.

Negativbeispiel: „Als ich heute nachhause gekommen bin waren wie immer alle Rollläden noch unten und die Wohnung war nicht gelüftet.“

In den seltensten Fällen entsprechen Wörter wie „immer“, „nie“, „alle“, „keiner“ der Wahrheit und provozieren deshalb deine/n Partner:in. Dein/e Partner:in wird sofort versuchen sich zu verteidigen und die Diskussion beginnt…

Schritt 2: Benenne deine Gefühle - Was hat die Beobachtung in dir ausgelöst?

Bspw.: „Das hat mich geärgert, weil ich mich den ganzen Tag freue nachhause zu kommen und ich mich nicht wohl fühle, wenn es dunkel ist und mufft.“

Es ist extrem wichtig, dass Du deinem/r Partner:in deine Gefühle offen mitteilst. Niemand kann dir vorwerfen, dass deine Gefühle falsch sind, denn nur Du weißt, wie Du dich fühlst. Ebenso kann aber auch niemand in dich hineinschauen und mit 100-prozentiger Sicherheit richtig deuten, wie Du dich fühlst. Durch das offene Aussprechen deiner Gefühle löst Du häufig großes Verständnis bei deinem/r Partner:in aus.

Negativbeispiel: „Ich fühle mich nicht von dir verstanden. Du beachtest meine Gefühle gar nicht und denkst nur an dich.“

„Ich fühle mich nicht von dir verstanden“ ist in diesem Fall ein Vorwurf und kein Gefühl. Achte darauf in dich zu gehen und deine wahren Gefühle, die hinter dem „nichtverstanden fühlen“ stecken, auszudrücken. Was macht es mit dir, wenn Du dich nicht verstanden fühlst? Bist Du dann traurig, wütend, enttäuscht?

Bleibe beim Ausdrücken deiner Gefühle immer bei dir und lass deine/n Partner:in erstmal aus dem Spiel. Niemand hört sich gerne Vorwürfe oder Schuldzuweisungen an. Beschuldigst Du deine/n Partner:in wird sie/er sofort über eine Verteidigung nachdenken, anstatt zu versuchen deine Gefühle nachzuvollziehen.

Schritt 3: Sprich deine Bedürfnisse aus – Welche Bedürfnisse verbergen sich hinter deinen Gefühlen?

Bspw.: „Ich möchte, wenn ich nach einem langen Tag nachhause komme in unsere helle, gut riechende Wohnung eintreten und mich wohl fühlen.“

Negativbeispiel: „Dir ist es egal ob ich mich zuhause wohlfühle.“

Deine Bedürfnisse zu formulieren ist gar nicht so leicht, denn dafür musst Du erst einmal wissen, was überhaupt dein Bedürfnis ist. Warum bist Du traurig oder wütend? Was hat dieses Gefühl in dir ausgelöst? In dem obigen Beispiel steht das Bedürfnis sich wohlzufühlen im Vordergrund.

Genauso gut könnte es sich in diesem Beispiel um das Bedürfnis der Verlässlichkeit handeln: „Mir ist es wichtig, dass ich mich auf dich verlassen kann, wenn wir eine Abmachung getroffen haben.“.

Wichtig ist jedenfalls wieder einmal bei dir zu bleiben. Beginne deinen Satz mit „Ich“ und bring somit dein Bedürfnis zum Ausdruck, anstatt deine/n Partner:in anzugreifen.

Gehe also einmal in aller Ruhe in dich und überlege dir welches Bedürfnis bei dir verletzt wird. Sobald Du dieses Bedürfnis formulieren und ausdrücken kannst, hat dein/e Partner:in die Chance darauf einzugehen und dein Bedürfnis zu respektieren. Hat dein/e Partner:in aber das Gefühl, dass es dir nur ums Prinzip geht und Du dich sowieso über alles aufregst, wird euer Gespräch wahrscheinlich in einer hitzigen Diskussion ohne befriedigendes Ergebnis enden.

Schritt 4: Formuliere eine konkrete Bitte – Was wünschst Du dir?

Bspw.: „Ich wünsche mir, dass derjenige der die Wohnung als letztes verlässt die Rollläden hochzieht und lüftet.“

Falls Du dir jetzt denkst, dass Du deine/n Partner:in schon um so viel gebeten hast und das absolut nichts gebracht hat, kann ich deine Gedanken gut nachvollziehen. Eine reine Bitte endet häufig im Nichts.

Gerade deshalb ist es so wichtig die Bitte im vierten Schritt zu formulieren und deinem/r Partner:in vorher die Möglichkeit zu geben, die Situation, um die es geht, erstens zu verstehen, zweitens deine Gefühle bezüglich der Situation zu kennen und drittens zu verstehen, welches deiner Bedürfnisse dadurch verletzt wurde.

Deine Bitte fußt nun auf einem ganz anderen Fundament, denn dein/e Partner:in versteht jetzt was in dir vorgeht und warum dir eine bestimmte Sache so wichtig ist. Die Bitte ist nun keine lästige Aufgabe mehr, sondern ein konkreter Lösungsvorschlag für das verletzte Bedürfnis.

Durchläufst Du die vorherigen drei Schritte der gewaltfreien Kommunikation ohne einen Vorwurf oder eine Schuldzuweisung, ist dein/e Partner:in sehr wahrscheinlich nicht in der üblichen Abwehrhaltung. Er/sie versucht nun auf deine Gefühle und Bedürfnisse einzugehen, anstatt damit beschäftigt zu sein sich vor deinem Angriff zu schützen.

Anfangs ist es etwas schwierig gewaltfrei zu kommunizieren, da Du nicht geübt darin bist die vier Schritte einzuhalten und es sich befremdlich anfühlen wird beim Sprechen bestimmte Regeln einzuhalten. Ich empfehle dir deshalb als allererstes diesen Beitrag hier mit deinem/r Partner:in zu teilen. Steckt euch gemeinsam das Ziel zu lernen gewaltfrei zu kommunizieren. Das hat erstens den Vorteil, dass ihr beide davon profitiert, wenn der jeweils andere gewaltfreie Kommunikation beherrscht und zweitens kommt ihr beide euch weniger komisch vor, wenn ihr in der Anfangsphase etwas holprig kommuniziert.

Ein weiterer Tipp von mir ist, dass ihr euch einen kleinen Zettel erstellt, auf dem die vier Schritte abgebildet sind.

Kurz zusammengefasst könnten die vier Schritte zum Beispiel so lauten:

1. Beobachtung, 2. Gefühle, 3. Bedürfnis, 4. Bitte

Hängt euch den Zettel irgendwo auf, wo ihr ihn ständig sehen könnt.

Mein dritter Tipp ist, dass Du in der Anfangsphase erstmal im Stillen die vier Schritte durchgehst und sie beispielsweise auch schriftlich festhältst, bevor du mit deinem Anliegen an deine/n Partner:in herantrittst. Lerne dich selbst, deine Gefühle und Bedürfnisse besser kennen, teile sie dann deinem/r Partner:in mit und gebe ihm/ihr somit eine faire Chance darauf einzugehen. Es gibt nichts Schwierigeres als die Bedürfnisse von jemandem zu befriedigen, der/die selbst nicht weiß was er/sie eigentlich will.

Falls Du Interesse an einer psychologischen Online Beratung zu den Themen Kommunikation, Liebe und/oder soziale Beziehungen hast, dann schaue gerne einmal hier vorbei.

 

Quelle: Marshall B. Rosenberg: Gewaltfreie Kommunikation. 11. überarb. und erw. Auflage. Junfermann, Paderborn 2013

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